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Weltweit befinden sich derzeit mehr als 45 Millionen Menschen auf der Flucht oder leben in flüchtlingsähnlichen Situationen. Für sie gibt es nur diesen letzten Ausweg. Die Schauspieler David Kross, Friederike Kempter, Bernd Moss, Natali Seelig und Mark Waschke erzählen fünf Geschichten von Verfolgung, Migration und Entkommen.

Ein Webspecial von Stilbruch, radioeins und Fritz.

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Von Dresden nach Hammelburg

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Jörg Stiehler im Jahr 2014 (Quelle: privat)
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Jörg Stiehler ist 16, als er mit seiner Mutter im Herbst 1989 flieht: Er will raus aus diesem Land, das ihn im Sportunterricht mit Handgranatenweitwurf drangsaliert; in dem das eigene Schicksal abhängig ist vom Gutdünken der Partei; in dem es keine coolen Jeans gibt und keine freie Wahl. Weder politisch, noch beruflich, noch privat.
 
Als er mit seiner Mutter 1989 im Westfernsehen die Reportagen über den Flüchtlingsstrom aus der DDR sieht, beschließen sie auch über Ungarn zu fliehen. Am 17.10.1989 steigen sie in Dresden in den Zug nach Budapest. Hier nehmen sie die Fluchthelfer schon auf dem Gleis in Empfang: Für die Fahrt über die Grenze nach Österreich verlangen sie 900 DDR-Mark und damit alles, was Jörg Stiehler und seine Mutter dabei haben. Denn einen höheren Betrag durfte man gar nicht einführen nach Ungarn.

Ein Fluchthelfer fährt sie in seinem Familienauto nach Österreich. Hier wartet schon ein Reisebus des Roten Kreuzes, der die Flüchtlinge einsammelt und in die Bundeswehrkaserne nach Hammelburg bringt. Nach 36 schlaflosen Stunden sind Jörg Stiehler und seine Mutter im Westen angekommen. Vom Begrüßungsgeld kauft er sich am nächsten Tag zu allererst eine Bravo. Nur drei Wochen nach ihrer Flucht fällt die Mauer.

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Jörg Stiehler im Jahr 2014 (Quelle: privat)
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Von Königsberg nach Flensburg

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Getrude Weißenborn im Jahr 1945 (Quelle: privat)
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Gertrude Weißenborn flieht 1945 aus Königsberg – hochschwanger, mit ihren drei kleinen Mädchen, im Alter von drei bis sieben Jahren, ihrer Mutter und ihrem im Krieg schwer verwundeten, noch bewusstlosen Mann. Das Lazarett, in dem er lag, war bereits geräumt, alle, die zu krank oder bewusstlos waren, ihrem Schicksal überlassen worden. Auf einer Trage holt Gertrude ihren Mann aus dem Lazarett.

Um einen der Züge von Königsberg in die Hafenstadt Pillau, das heutige Baltysk, zum Anhalten zu zwingen, stellt Gertrude Weißenborn die Trage mit ihrem Mann auf die Gleise. Von Pillau aus kommt die Familie mit einem der Flüchtlingsschiffe nach Stralsund. Hier setzen die Wehen ein, eigentlich viel zu früh.

Gertrude Weißenborn bekommt ihre vierte Tochter auf der Flucht, im Krankenhaus von Stralsund. Wieder geht es aufs Meer – mit einem Kohlenkahn, der die Familie über die Ostsee nach Flensburg bringt. Hier kommen sie erst in den Baracken einer Notunterkunft unter, bevor sie bei einer Arztwitwe einquartiert wurden, die ihre Abneigung nicht verhehlte. Willkommen waren sie nicht. Die ersten Jahre sind geprägt von Hunger und Kälte. Noch heute können Gertrudes Kinder keine Steckrüben, die Wrucken, essen. Sie waren jahrelang die einzige Mahlzeit.

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Getrude Weißenborn im Jahr 1945 (Quelle: privat)
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Von Ost-Berlin nach West-Berlin

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Lothar Fischer im Gefängnis Hohenschönhausen (Quelle: privat)
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Der Kunstlehrer und Autor Lothar Fischer flieht 1957 aus der DDR: Mit nichts weiter als seiner Aktentasche fährt er mit der S-Bahn von Ost- nach West-Berlin. Nur wenige Tage zuvor war er in der DDR aus dem Gefängnis entlassen worden. Viereinhalb Jahre war er als politischer Gefangener inhaftiert.

Lothar Fischer wird 1932, in der Nähe von Dresden, geboren. Schon mit 16 arbeitet er als freier Journalist. Mit 19 Jahren wird er Redakteur in Ost-Berlin beim ADN, der Staatlichen Nachrichtenagentur der DDR. Er knüpft lose Kontakte zum RIAS. Anfang der 50er Jahre, zu Beginn des Kalten Krieges, in einer Zeit der allgemeinen Paranoia, reicht das aus, um in Verdacht zu geraten: Ein Spitzel wird auf ihn angesetzt.

1952 wird Lothar Fischer festgenommen. Er wird mit verbundenen Augen in das Stasi-Gefängnis in Pankow verschleppt, dann kommt er in das berüchtigte U-Boot, das Kellergefängnis in der Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen. In den klaustrophobischen Isolierzellen gibt es keine Fenster, Tag und Nacht brennt das Licht. Lothar Fischer wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach viereinhalb Jahren in Bautzen und im Gefängnis Waldheim wird er begnadigt und auf Bewährung entlassen. Er flieht nur wenige Tage später mit der S-Bahn nach West-Berlin. Hier macht er sein Abitur nach und studiert Kunstgeschichte.

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Lothar Fischer im Gefängnis Hohenschönhausen (Quelle: privat)
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Von der Uckermark nach Texas

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Justina Tubbe anno 1861 (Quelle: Westkreuz-Verlag)
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Justina Tubbe wurde 1795 im brandenburgischen Bad Freyenwalde geboren. Mit 18 heiratet sie den Webermeister Carl Ludwig Tubbe und zieht zu ihm nach Oderberg. Sie bekommt neun Kinder, von denen drei schon früh sterben. Die Familie hat jedoch ein gutes Auskommen – bis die Industrialisierung ihnen die Existenzgrundlage nimmt.

Mit den niedrigen Preisen der maschinell gewebten Stoffe aus England können die deutschen Weber nicht konkurrieren. Die Tubbes in Oderberg müssen jetzt von ihrer kleinen Landwirtschaft leben. Doch Kartoffelseuchen und Trockenheit verderben die Ernte, 1845 stirbt Justinas Mann an einer Lungenentzündung. Als 1854 die Scheune abbrennt und Justina um ihre Versicherungssumme betrogen wird, steht sie vor dem Nichts. Zwei ihrer älteren Kinder sind bereits nach Texas ausgewandert.

1855 geht auch sie mit zweien ihrer jüngeren Söhne an Bord des Segelschiffes "Tuisko": 54 Tage dauert die Überfahrt von Bremerhaven nach New Orleans. Es herrscht extreme Enge an Bord, Krankheiten brechen aus, Nahrungsmittel verderben. Acht Menschen sterben auf der Überfahrt. Von New Orleans geht es mit dem Schaufelraddampfer den Mississippi hinauf, und danach weiter mit dem Ochsenkarren. Justina Tubbe möchte nach Nacogdoches in Texas, wo ihr Sohn und ihre Tochter bereits leben. Nach zweieinhalb Monaten erreicht sie ihr Ziel.

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Justina Tubbe anno 1861 (Quelle: Westkreuz-Verlag)
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Von Berlin über Marseille in die USA

Walter mehring dpa bildfunk gross
Der Schriftsteller Walter Mehring (Quelle: dpa)
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Walter Mehring wird 1896 in Berlin geboren. Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Kabarettist provoziert 1929 mit seinem Theaterstück "Der Kaufmann von Berlin" einen riesigen Skandal. Joseph Goebbels selbst schreibt nach der Uraufführung eine Hetzschrift gegen ihn. Daraufhin wird Mehring überwacht und kann einer Verhaftung durch die SA 1933 nur knapp entkommen.

Er flieht nach Paris und zieht wenig später nach Wien weiter. Doch auch dort kann er nicht lange bleiben, denn die Wehrmacht rückt immer näher. In letzter Minute gelingt ihm die Flucht zurück nach Paris. Dort wird er im September 1939 als "feindlicher Staatenloser" im Camp de Falaise, in der Normandie, interniert. Im Februar 1940 wird er wieder frei gelassen. Er kehrt zurück nach Paris, muss aber nur wenige Monate später wieder fliehen, als die deutschen Truppen in die Stadt einmarschieren.

Mehring schlägt sich nach Marseille durch und lernt dort 1941 den Fluchthelfer Varian Fry kennen, der in den nächsten Monaten rund 2000 Menschen bei der Flucht in die USA hilft. Der erste Fluchtversuch über Spanien nach Portugal und von dort in die USA misslingt. In Perpignan wird Mehring festgenommen. Seinen gefälschten Pass kann er noch zerreißen und in der Toilette verschwinden lassen. Er kommt ins Internierungslager in Saint-Cyprien, aus dem er zwei Monate später entkommen kann.

Schließlich ist es der Zufall, der Walter Mehring rettet: Auf dem Schiff "Wyoming" wird ein Platz frei, der Sozialdemokrat Rudolf Hilferding wartet noch auf ein gültiges Ausreisevisum. Walter Mehring kann seine Koje einnehmen und über die Karibikinsel Martinique in die USA fliehen. Mit einem der letzten Schiffe, die Marseille Richtung Freiheit verlassen.

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Der Schriftsteller Walter Mehring (Quelle: dpa)
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Das Webspecial "Letzer Ausweg Flucht" ist eine Kooperation von Stilbruch, radioeins und Fritz.

Die einzelnen Folgen liefen sowohl im Fernsehen als auch im Radio und sind jetzt in der rbb-Mediathek verfügbar:
Folge 1
Folge 2
Folge 3
Folge 4
Folge 5


 





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Übersicht

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Kapitel 1 Webspecial

Foto: imago

Zaun xinhua imago55119423h 1920
Kapitel 2 David Kross liest...

Kross 1920
Kapitel 3 Fluchtgeschichte Jörg Stiehlke

Grenze werner schulze imago51984235h 1920 sepia
Kapitel 4 Friederike Kempter liest...

Kempter 1920
Kapitel 5 Fluchtgeschichte Getrude Weißenborn

Ostsee sturm dpa bildfunk 44595884 1920 blau
Kapitel 6 Bernd Moss liest...

Moss 1920
Kapitel 7 Fluchtgeschichte Lothar Fischer

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Kapitel 8 Natali Seelig liest...

Seelig 1920
Kapitel 9 Fluchtgeschichte Justina Tubbe

Schuhe kaputt imago51293917h marco stepniak 1920 grau
Kapitel 10 Mark Waschke liest...

Waschke 1920
Kapitel 11 Fluchtgeschichte Walter Mehring

Koffer dpa bildfunk 24926815 1920 sepia
Kapitel 12 Im Radio und rbb Fernsehen

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